Das Jahr 2026 wird nach Einschätzung von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, von einem seltenen Gleichlauf aus fiskalpolitischer Expansion und geldpolitischer Unterstützung geprägt sein. Staaten dürften weiterhin konjunkturelle Impulse geben, obwohl sich die Weltwirtschaft in keiner akuten Schwächephase befindet. Zugleich dürfte die US-Zentralbank die Zinsen weiter senken.
„Mit Blick auf 2026 passt das Bild einer Dampflok sehr gut: Der Kessel wird jetzt noch einmal richtig aufgeheizt, sowohl von fiskalischer als auch von geldpolitischer Seite“, erklärt Tilmann Galler bei der Vorstellung seiner „10 Thesen für das Jahr 2026“.
1. Fiskalpolitik wirkt rezessionsdämpfend
Tilmann Galler von J.P. Morgan Asset Management erwartet auch ohne akute wirtschaftliche Schwäche eine beispiellose fiskalische Expansion. Diese werde sowohl in den USA - unabhängig von der Präsidentschaft - als auch in Europa zunehmend als wirtschaftspolitisches Mittel akzeptiert.
2. Zinssenkungen der Fed trotz robuster Wirtschaft
Obwohl der Konsum stabil bleibt, zeigen sich am US-Arbeitsmarkt erste Schwächen, unter anderem durch Rationalisierungseffekte. Die Fed dürfte laut Galler die Zinsen auf 3 bis 3,25 Prozent senken, was außerhalb einer Rezession ein ungewöhnlicher Schritt mit stimulierendem Effekt auf Bau- und Immobiliensektor ist.
3. Technologie bleibt Wachstumstreiber, aber mit Unsicherheiten
Ein Drittel des US-Wachstums 2025 sei auf Tech-Investitionen zurückzuführen. Zwar seien große Tech-Konzerne bilanziell solide, doch Galler sieht Risiken durch Engpässe bei Rohstoffen, Energieinfrastruktur und unsichere Nachfrage im KI-Zyklus. Die langfristige Kapitalrendite vieler KI-Investments bleibe unklar.
4. Anleihenmärkte vor höherer Volatilität
Die expansive Politik könnte zu Druck auf langfristige Staatsanleihen führen. Vor allem Länder mit hohen Defiziten (wie Japan) laufen laut Galler Gefahr, vom Markt diszipliniert zu werden, vergleichbar mit dem „Liz-Truss-Moment“ in Großbritannien.
5. Südeuropa mit relativer Stärke gegenüber Kernländern
Staaten wie Spanien und Griechenland profitieren von EU-Mitteln und konsequenten Strukturreformen. Ihre 10-jährigen Renditen liegen inzwischen unter denen Frankreichs. Auch Deutschland könnte bei ausgabenintensiver Politik steigende Risikoprämien zahlen. Südeuropäische Bonds behalten laut Tilmann Galler 2026 Momentum.
6. Unternehmensgewinne steigen weiter
Ein stabiles konjunkturelles Umfeld spricht laut Galler für steigende Gewinne. Was ein positives Signal für Aktienmärkte und Unternehmensanleihen ist. Solange die Gewinnentwicklung trägt, seien auch höhere Bewertungen tragfähig.
7. Unternehmensanleihen liefern Erträge primär über Carry
Da die Spreads nahe historischer Tiefs liegen, wird der Hauptertrag 2026 aus dem laufenden Kupon (Carry) resultieren - nicht aus weiteren Spread-Einengungen. Voraussetzung bleibt die Stabilität der Gewinne und Zinszahlungen.
8. Dividendenwerte schlagen High-Beta-Aktien
Nach starker Performance risikoreicher Titel erwartet Galler 2026 eine Rotation in defensivere Segmente. Dividendenstarke Unternehmen dürften im moderaten Wachstumsumfeld profitieren. High-Beta-Aktien könnten dagegen unter zu optimistischen Erwartungen leiden.
9. Europäische Wachstumswerte im Vorteil gegenüber US-Tech
Die sogenannten „Granolas“ - große europäische Wachstumsunternehmen aus Gesundheit, IT und Konsum - bieten laut Galler vergleichbare Wachstumsraten zu günstigeren Bewertungen als die US-amerikanischen „Magnificent Seven“. Europäische Aktien seien insgesamt noch nicht überbewertet.
10. Lange Duration als strategische Absicherung
Zur Begrenzung von Bewertungsrisiken eigne sich eine längere Duration. In Krisenphasen könnten langlaufende Staatsanleihen durch sinkende Zinsen Kursgewinne erzielen und so als Diversifikator im Portfolio wirken.
Fazit
Trotz konstruktivem Umfeld betont Tilmann Galler die Notwendigkeit, Bewertungsrisiken ernst zu nehmen und Portfolios breiter aufzustellen - geografisch, sektorübergreifend und auch abseits der öffentlichen Märkte. Besonders Private Markets, etwa in Infrastruktur und Transport, böten inflationsgeschützte Ertragschancen. Durch ELTIFs würden diese künftig auch einem breiteren Anlegerkreis offenstehen.
Weitere beliebte Meldungen: