ESG-Backlash? Eher Normalisierung
Prof. Dr. Timo Busch von der Universität Hamburg machte gleich zu Beginn klar, worum es nicht geht: „Ich glaube nicht, dass ESG tot ist." Eine Meta-Analyse von mehr als 2.000 akademischen Studien zeigt, dass über 90 Prozent keinen negativen Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Finanzperformance feststellen. Nachhaltige Fonds hätten zuletzt zwar keinen systematischen Renditevorsprung gezeigt, in Krisenzeiten aber häufig robuster abgeschnitten. Für institutionelle Investoren, die auf Stabilität und langfristige Cashflows angewiesen sind, ist das keine Kleinigkeit.
Buschs These: Das Thema entwickle sich von Ausschlusslisten hin zu realer Wirkung – Resilienz, Transformation und doppelte Materialität als neue Leitprinzipien.
Was die Renditedaten wirklich sagen
Philipp Schubert, Head of Risk Management bei der Erste AM, legte die internen Performancedaten offen. Über zehn Jahre lagen ausgewählte nachhaltige Aktienstrategien zwischen minus 0,32 und plus 1,70 Prozentpunkten jährlich gegenüber ihren Benchmarks — differenziert, aber keineswegs negativ. Sein Fazit: „Es hat zumindest nicht geschadet." Wer eine pauschale ESG-Prämie ableiten will, geht zu weit. Aber die These, Nachhaltigkeit koste zwingend Rendite, ist empirisch nicht haltbar.
Die Natur als Infrastrukturproblem
Der für Private-Markets-Investoren wohl relevanteste Impuls kam vom WWF Österreich. Teresa Gäckle beschrieb Biodiversität als unsichtbare, oft kostenlose Arbeitskraft — sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Klimaregulation. Rund 80 Prozent der untersuchten Ökosystemleistungen seien bereits rückläufig.
© Philipp Lipiarski
Gewässerökologin Marie Pfeiffer brachte die Pointe: Renaturierung sei letztlich nichts anderes als ein Infrastrukturprojekt. Wird Flüssen Raum gegeben, verlangsamt sich Hochwasser, wächst der Grundwasserspeicher, sinken Wartungskosten für Dämme und Schutzanlagen. Für Real-Asset-Investoren, die in Infrastruktur, Agrarland oder Energie investieren, ist das eine direkt relevante Risikobetrachtung.
Naturrisiken werden finanziell — und portfoliorelevant
Irina Gagloeva und Varvara Shershneva aus dem Responsible-Investments-Team der Erste AM übersetzten das am Nachmittag in Portfoliosprache. Naturbezogene Risiken seien physisch, transitorisch, regulatorisch und reputationsbezogen — und könnten Kosten, Kapitalkosten, Bewertungen und Cashflows direkt beeinflussen. Konkrete Beispiele: ein möglicher BIP-Rückgang von 2,3 Prozent durch partielle Ökosystem-Zusammenbrüche bis 2030, Millionenstrafen für JBS wegen illegaler Entwaldung und zusätzliche Wasserkosten für General Motors während der Dürre in Brasilien.
Anhand eines Beispielportfolios mit Unternehmen wie Verbund, BASF, Nestlé und Allianz wurde diskutiert, wie Wasserrecycling, geografische Diversifikation und Active Ownership als Gegenmaßnahmen funktionieren können.
Zukunftsforscher Horx: Elektrostaaten vs. Petrostaaten
Matthias Horx lieferte den konzeptionellen Rahmen. Seine Kernthese: Der eigentliche Zukunftskonflikt verlaufe zwischen „Elektrostaaten" und „Petrostaaten". China baue mit enormem Tempo Solar-, Batterie- und Elektrifizierungskapazitäten aus, während der Westen noch zu oft mit alten Narrativen ringe. Nachhaltigkeit erscheint damit nicht als Verzicht, sondern als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit im nächsten Industriezyklus — und damit als Investment-These.
© Philipp Lipiarski
SFDR: Transparenz, kein Qualitätsurteil
Dr. Sandra Reich räumte in ihrer Deep-Dive-Session mit einem zentralen Missverständnis auf: Die SFDR sei kein Qualitätslabel, sondern ein Transparenzregime. Artikel 6, 8 und 9 klassifizieren Offenlegungspflichten — nicht die Güte eines Fonds. Der Markt habe daraus ein faktisches Labeling gemacht, was zu Verwirrung und übertriebener Greenwashing-Paranoia geführt habe. Reichs Plädoyer: mehr Vereinfachung, weniger Komplexität, mehr Verständlichkeit für institutionelle wie private Anleger.
Fazit
Die Botschaft des Tages war klar: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr, das man mit gutem Gewissen in ein ESG-Subfonds-Kästchen schiebt. Biodiversitätsrisiken, Wasserknappheit und Regulierungsdruck werden zunehmend in Cashflows, Bewertungen und Kapitalkosten sichtbar — gerade in den Assetklassen, die für institutionelle Investoren besonders relevant sind: Infrastruktur, Real Assets, Private Debt. Wer das als Risikomanagement begreift, ist besser positioniert als jemand, der darauf wartet, dass Nachhaltigkeit sich als Renditetreiber beweist.
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