EVSI-Report Q1 2026: Investorenflucht aus der Frühphase trotz steigender Kapitalsummen

Der europäische Venture-Capital-Markt zeigt im ersten Quartal 2026 eine signifikante Divergenz: Während das Investitionsvolumen auf 21,3Mrd. USD stieg, sank die Anzahl der abgeschlossenen Transaktionen deutlich. Wie Venionaire Capital im Rahmen einer Mitteilung analysiert, weicht der Optimismus einer ausgeprägten Risikoaversion, die insbesondere die Finanzierung von Frühphasen-Startups zugunsten etablierter Unternehmen und des KI-Sektors erschwert.

Statistiken & Regulatorik

09.04.2026 11:05 Uhr
Berthold Baurek-Karlic, Vorstandsvorsitzender der Venionaire Capital AG / © PrivateMarkets360 / Venionaire Capital AG
Berthold Baurek-Karlic, Vorstandsvorsitzender der Venionaire Capital AG / © PrivateMarkets360 / Venionaire Capital AG

Der aktuelle European Venture Sentiment Index (EVSI) verdeutlicht eine Zäsur für das europäische Ökosystem. Trotz eines nominalen Höchststandes beim investierten Kapital konzentriert sich die Liquidität auf eine schrumpfende Zahl an Zielunternehmen. „Zwar ist das Investitionsvolumen mit rund 21,3 Milliarden US-Dollar gestiegen, dieses teilt sich jedoch auf immer weniger Unternehmen auf“, erläutert Berthold Baurek-Karlic, Vorstandsvorsitzender der Venionaire Capital AG.

Sentiment-Einbruch durch geopolitische Volatilität

Die Zuversicht der Limited und General Partners ist zum Ende des ersten Quartals massiv erodiert. Der EVSI fiel von prognostizierten 5,6 auf 4,4 Punkte und rutschte damit unter die neutrale 5,0-Marke. Laut Venionaire sind primär die angespannte Lage im Nahen Osten sowie strategische Unsicherheiten in den USA für diesen Stimmungsumschwung verantwortlich. In der Folge korrigierten die Startup-Bewertungen im Quartalsvergleich um 27,7%, während sich das Fundraising-Umfeld um 45,1% verschlechterte. Parallel dazu verzeichneten Dealflow und Investorenaktivität zweistellige Rückgänge.

Das Gesamtinvestitionsvolumen stieg weiter an – Verlauf Q1 2025 bis Q1 2026, Quelle: Venionaire Capital AG

Flight to Quality und Dominanz des KI-Sektors

Angesichts des volatilen Marktumfelds priorisieren Kapitalgeber zunehmend Stabilität und kalkulierbare Cashflows. Diese Entwicklung führt dazu, dass junge Unternehmen ohne etablierte Revenue-Tracks zunehmend vom Kapitalmarkt abgeschnitten werden. „Investor*innen suchen nach Planbarkeit und Sicherheit. Junge Unternehmen mit unvorhersehbaren Umsatzentwicklungen [...] sind in der aktuellen Lage kein attraktives Investment“, so Baurek-Karlic. Stattdessen fließen signifikante Summen in Growth-Phasen, was sich in hohen durchschnittlichen Ticketgrößen niederschlägt. Frankreich führt hier mit 47Mio. Euro pro Deal vor Großbritannien (37,8Mio. Euro).

Insbesondere der Sektor für Künstliche Intelligenz fungiert als Rettungsanker. In Großbritannien entfielen nahezu 50% der VC-Transaktionen auf den KI- und Datensektor. KI hat sich damit von einer Assetklasse zum entscheidenden Allokationskriterium für den gesamten europäischen Markt entwickelt.

Trüber Ausblick für das zweite Quartal

Für die kommenden Monate ist keine Trendumkehr absehbar. Der prognostizierte EVSI von 4,3 deutet auf eine weitere Kontraktion hin. Erwartet werden zusätzliche Bewertungsabschläge von 18,1% sowie ein weiterer Rückgang der Deal-Qualität um 20,9%. Der Venture-Markt bleibt somit vorerst durch einen defensiven Fokus auf Late-Stage-Assets und technologische Schlüsselindustrien geprägt.

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