An der langfristigen Natur der zugrunde liegenden Investments ändert das jedoch nichts. Genau das hat in der Praxis zu Missverständnissen geführt – insbesondere beim Thema Liquidität.
Zwei Dinge werden dabei immer deutlicher:
Erstens: Fondsmanager müssen offen kommunizieren, welchem Zweck Evergreen-Fonds dienen, wie Liquidität tatsächlich funktioniert und warum bestimmte Leitplanken notwendig sind.
Zweitens: Anleger sollten die Funktionsweise von Evergreen-Fonds genau verstehen und prüfen, ob diese langfristigen Investments zu ihren Zielen sowie zu ihrem kurz- und langfristigen Liquiditätsbedarf passen.
Private Markets brauchen Zeit
Private-Markets-Investments benötigen Zeit, um Wert zu schaffen. Diese grundlegende Realität ändert sich nicht dadurch, dass ein Fonds als Evergreen-Struktur ausgestaltet ist.
Evergreen-Fonds sind kein Versuch, private Märkte in Handelsinstrumente zu verwandeln. Sie bieten Anlegern einen operativ einfachen und vertrauten Zugang zu langfristigen Private-Markets-Strategien. Hinzu kommt der Vorteil, Ausschüttungen wieder anzulegen und damit Renditen weiter zu kumulieren. Liquidität gehört zwar zum Konzept, ist jedoch nicht dessen Zweck.
Wenn Anleger erwarten, dass Evergreen-Fonds für Private Markets wie börsennotierte Anlagen funktionieren, ist Enttäuschung nahezu vorprogrammiert. Private Anlageklassen erfordern weiterhin Geduld. Erfolgreiche Ergebnisse hängen nach wie vor von einem durchdachten Portfolioaufbau und dem richtigen Timing ab.
Warum „semi-liquide“ in die Irre führt
Ein häufiges Missverständnis rund um Evergreen-Fonds entsteht durch die verwendete Terminologie. Begriffe wie „semi-liquide“ können Erwartungen wecken, die nicht der Realität entsprechen.
Evergreen-Fonds sind nicht so liquide wie ein ETF, ein Investmentfonds, ein OGAW- bzw. UCITS-Fonds oder ein australischer Unit Trust. Sie sind nicht einmal semi-liquide. Wenn Liquidität angeboten wird, dann nur periodisch und in begrenztem Umfang.
Treffender ist die Aussage: Evergreen-Fonds können Zugang zu Liquidität eröffnen, garantieren ihn jedoch nicht. Rücknahmen hängen in der Regel von verfügbaren Barmitteln, den Portfoliobedingungen, der Exit-Aktivität sowie fondsseitigen Begrenzungen zum Schutz der Anleger ab.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Stimmen die Erwartungen mit der Struktur überein, können Anleger Marktzyklen besser durchstehen. Gleichzeitig können Fondsmanager die langfristigen Strategien konsequenter umsetzen, die für die Alpha-Generierung ihrer Investments entscheidend sind.
Rücknahmebegrenzungen schaden nicht – sie schützen
Sogenannte Gates, also Rücknahmebegrenzungen, stehen häufig in der Kritik, insbesondere in Phasen erhöhter Marktunsicherheit.
In der Praxis zählen sie jedoch zu den wichtigsten Schutzmechanismen für Anleger in einer Evergreen-Struktur, gerade in Stressphasen.
Sie verhindern, dass rückgebende Anleger Vermögensverkäufe erzwingen, die zulasten der verbleibenden Investoren gehen würden. Ohne Gates könnte ein Fonds bei erhöhten Rücknahmen gezwungen sein, Vermögenswerte zu verkaufen, die sich noch in der Wertschöpfungsphase befinden oder für einen Exit noch nicht optimal positioniert sind. Dadurch ließe sich das volle Potenzial dieser Investments möglicherweise nicht ausschöpfen.
Gates helfen Fondsmanagern, Liquidität geordnet und fair bereitzustellen und zugleich den Wert für alle Anleger zu erhalten. Sie tragen dazu bei, dass Investoren, die im Fonds verbleiben, nicht durch kurzfristige Marktdynamiken und daraus resultierende zyklische Rücknahmewellen benachteiligt werden.
Aus einer langfristigen Perspektive dienen Gates nicht dazu, den Zugang einzuschränken. Sie sorgen vielmehr für Fairness und Interessengleichheit zwischen den verschiedenen Investorengruppen und helfen Fondsmanagern, ihrer treuhänderischen Verantwortung gerecht zu werden.
Liquidität entsteht nicht zufällig
In einem gut gemanagten Evergreen-Fonds wird Liquidität nicht dem Zufall überlassen.
Aus unserer Sicht sollte ein Fondsmanager klar erläutern können, wie Liquidität unter unterschiedlichen Marktbedingungen gesteuert wird.
Fondsmanager steuern Liquidität aktiv – über Liquiditätsreserven, Cashflow-Prognosen, Working-Capital-Management, Kreditlinien, Kapazitätsmanagement und den Portfolioaufbau. All diese Elemente sollten mithilfe von Szenarioanalysen bewertet werden. Dazu gehört die Modellierung erwarteter Mittelzu- und -abflüsse, die Einschätzung möglicher Ausschüttungen und Veräußerungen sowie Stresstests für Marktverwerfungen oder erhöhte Rücknahmeanfragen.
Auch die Zusammensetzung der Investoren spielt aus unserer Sicht eine wichtige Rolle – beispielsweise über Regionen, Vertriebskanäle oder Vintages, also Fondsjahrgänge, hinweg. Ein substanzieller Anteil institutioneller Investoren kann Evergreen-Strukturen zusätzliche Stabilität verleihen, insbesondere wenn diese ihr Kapital für einen definierten Zeitraum binden.
Schließlich kommt es auch auf die Anlagestrategie selbst an. In der Regel verfügen diversifizierte Portfolios über mehr Möglichkeiten, Liquidität zu generieren, als stärker konzentrierte Portfolios. Dies gewinnt an Bedeutung, wenn Veräußerungen und Cashflows seltener und weniger planbar werden.
Was Anleger von Evergreen-Fonds erwarten können
Evergreen-Fonds stellen einen wichtigen Fortschritt beim Zugang zu den Private Markets dar. Sie sind jedoch keine Abkürzung an den grundlegenden Realitäten privater Märkte vorbei. Liquiditätsmechanismen, Gates und Governance-Strukturen sind keine Hindernisse, sondern Leitplanken.
Wenn Fondsmanager transparent kommunizieren und Anleger die Struktur verstehen, können Evergreen-Fonds genau das leisten, wofür sie entwickelt wurden: Sie ermöglichen ein langfristiges, kontinuierliches Engagement in Private Markets, reinvestieren Ausschüttungen laufend und steuern den Zugang zu Liquidität bewusst. So können Anleger ihre Allokation besser auf ihren eigenen Liquiditätsbedarf abstimmen.
Bei Investments in private Märkte funktioniert Liquidität am besten, wenn sie bewusst gestaltet wird – und niemals auf Kosten langfristiger Wertschöpfung.
Von Lorand Soha, Leiter Private Wealth für Deutschland und Österreich von HarbourVest
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