Struktureller Wandel der Kapitalbeschaffung
Der Weg an die öffentlichen Märkte hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Während Technologieunternehmen in den 1990er-Jahren im Schnitt nach weniger als sechs Jahren an die Börse gingen, hat sich dieser Zeitraum auf zwölf Jahre verdoppelt. Zudem treten Unternehmen in einem deutlich reiferen Stadium an den Kapitalmarkt: Das durchschnittliche Technologieunternehmen erzielt beim Börsengang heute fast das Dreifache des Jahresumsatzes eines vergleichbaren Unternehmens aus den 1990er-Jahren.
Wie Aaron Hussein, globaler Marktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, erklärt, verlagert sich ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung dadurch in die Phase vor dem IPO. Ein prägnantes Beispiel ist SpaceX: Das 2002 gegründete Unternehmen blieb 24 Jahre privat und ging mit einer Bewertung von knapp 1,8 Bio. US-Dollar sowie einem Jahresumsatz von 18 Mrd. US-Dollar an die Börse. Zum Vergleich: Amazon notierte 1997 bereits drei Jahre nach der Gründung an der Börse – bei einem Umsatz von rund 0,3 Mrd. US-Dollar und einer Bewertung von unter 1 Mrd. US-Dollar.
Hohe Liquidität auf den Private Markets
Dass Unternehmen für ihre Wachstumsphasen nicht mehr zwingend auf ein öffentliches Listing angewiesen sind, belegen auch jüngste Finanzierungsrunden im späten Growth-Bereich. So nahm Anthropic im Mai 2026 im Rahmen einer Serie-H-Finanzierung 65 Mrd. US-Dollar auf, was den Unternehmenswert auf 965 Mrd. US-Dollar steigerte. Laut Daten von Bain & Company befanden sich bereits 2023 rund 86% der US-Unternehmen mit einem Umsatz von über 100 Mio. US-Dollar in privater Hand. Gleichzeitig ist die Gesamtzahl der börsennotierten Unternehmen in den USA seit Ende der 1990er-Jahre um knapp 30% gesunken.
Auswirkungen von Mega-Cap-IPOs auf öffentliche Märkte
Bedenken, dass anstehende Mega-Cap-Börsengänge – etwa von OpenAI oder Anthropic – Liquidität aus dem verbleibenden Aktienmarkt abziehen könnten, tritt der Asset Manager entgegen. Laut Hussein erfolgt die Indexaufnahme großer IPOs primär auf Basis des Streubesitzes und damit nur schrittweise. Bei SpaceX lag der Free Float beim Börsengang bei lediglich 4%. Zudem sorgen gewöhnliche Lock-up-Perioden dafür, dass Altinvestoren Erstverkäufe meist erst nach 90 bis 180 Tagen tätigen können.
Darüber hinaus greifen Aufnahmeregeln der Indexanbieter zeitversetzt: Während FTSE, MSCI und Nasdaq über Fast-Entry-Regeln verfügen, fordert S&P Global eine zwölfmonatige Handelshistorie vor einer Aufnahme in den S&P 500. Für institutionelle Anleger erfordert die veränderte Marktstruktur laut dem Strategen eine konsequente Abdeckung beider Marktsegmente, um das volle Spektrum des Wirtschaftswachstums abzudecken.
Weitere beliebte Meldungen: